Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

„Ich singe solange, bis es keine Nazis mehr gibt“

Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus in der Antoniterkirche am 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz

01.02.2016

In der Kölner Erinnerungskultur bildet die zentrale Gedenkstunde am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz in der evangelischen AntoniterCityKirche eine feste Größe. Gedacht wird aller Opfer des Nationalsozialismus. Gleichwohl steht jeweils eine Opfergruppe beziehungsweise ein Thema im Fokus. In diesem Jahr lautete das Thema „Kölner Schulen in der NS-Zeit“.

Die Rap-Gruppe „Microphone Mafia“ tritt seit 2009 mit Esther Bejarano auf, heute ist sie 91 Jahre alt
Verantwortlich zeichnete erneut die Projektgruppe Gedenktag. Ihr gehören Einrichtungen, Vereine, Parteien, Initiativen und andere an. Darunter die Evangelische Gemeinde Köln, die Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Köln.

Herausragende Stellung der Schule
Nach der Begrüßung durch Pfarrer Mathias Bonhoeffer trat Bürgermeister Hans-Werner Bartsch ans Mikrofon. Vor über 250 Besuchenden stellte er fest, dass die Nationalsozialisten die herausragende Stellung der Schule nutzten, um Kinder im Sinne ihrer Ideologie zu erziehen. So habe sich Schule zu einem Ort von Ausgrenzung und Verblendung entwickelt. „Schule war Instrument einer menschenverachtenden Politik“, die den Jugendlichen ein rassistisches Menschenbild vermittelt habe.

Zeitgenössische Leserbriefe
Breiten Raum nahm die von Ulrike Bach, Malle Bensch-Humbach, Irene Franken, Michael Kellner und Klaus Stein konzipierte Textcollage ein. Die Auszüge aus Interviews, Gesetzestexte, Zeitzeugenberichte, zeitgenössische Leserbriefe und vieles mehr wurden von Maria Ammann, Marc-Andree Bartelt, Renate Fuhrmann und Josef Tratnik ausdrucksstark gelesen und gestaltet. Zwischen den einzelnen Blöcken, in denen Projektionen auf einer großen Leinwand das Gesprochene in Bild und Wort veranschaulichten, erklang Live-Musik.

91-Jährige begeisterte das Publikum
Es spielten der Violinist Markus Reinhardt und die „Microphone Mafia“. Die Rap-Gruppe tritt seit 2009 mit Esther Bejarano auf. „Ich singe solange, bis es keine Nazis mehr gibt“, hat die Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, wo sie Mitglied des „Mädchenorchesters“ war, einmal gesagt. Noch immer engagiert sie sich vielfältig gegen Rassismus. In der Antoniterkirche begeisterte die 91-Jährige das Publikum mit ihrer Stimme und Präsenz.

„Reinigung des Lehrkörpers"
Zu Beginn der Collage erinnerten die Sprechenden an die direkten Folgen der „Machtergreifung“ Hitlers. Freie Schulen seien geschlossen, der NS-Lehrerbund als wichtige Instanz zur Gleichschaltung der Lehrerschaft genutzt worden. In ihm seien 1934 im Gau Köln-Aachen schon 95 Prozent der Lehrer organisiert gewesen. In Zwangsveranstaltungen habe man ihnen die Grundlagen der NS-Ideologie vermittelt. Auf Basis des im April 1933 zwecks „Reinigung des Lehrkörpers" erlassenen „Gesetzes für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ seien Beamte „nichtarischer Abstammung“ in den Ruhestand versetzt und „politisch unzuverlässige“ entlassen worden.

Von Mitschülern drangsaliert
Nicht selten seien Lehrkräfte ohne „gleichgeschaltete Gefühle“ denunziert, strafversetzt und degradiert worden. Direktoren- und Rektorenposten habe man mit Nazis besetzt. Auch am Apostelgymnasium. Dort sei es Dr. Heinrich Deckelmann gewesen, der sich unter anderem als Werber für die Hitlerjugend hervortat. Und der nicht eingeschritten sei, als ein Schüler, er war der Sohn eines jüdischen Religionslehrers, von Mitschülern drangsaliert wurde. Selbst nicht auf Bitten der Eltern, die ihr sich „völlig isoliert“ fühlendes Kind schließlich von der Schule nahmen.

Die Religionslehrerin Ina Gschlössl
Im September 1933 sei die Religionslehrerin Ina Gschlössl aus politischen Gründen aus dem Dienst an der Berufsschule entlassen worden. Gschlössl war SPD-Mitglied, setzte sich für die Gleichberechtigung von Theologinnen ein und hatte bereits 1932 in einem Aufsatz vor den von einer NS-Regierung drohenden Gefahren der Judenverfolgung gewarnt. Da politisch unbelastet, habe man ihr nach dem Krieg die Verantwortung für die Organisation des Religionsunterrichtes an den Kölner Berufsschulen übertragen. Nahe der Antoniterkirche, am Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde Köln, ist ein kurzer schmaler Weg nach ihr benannt.



Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich