Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Kindergedenkstätte Löwenbrunnen: 71 Jahre seit der Befreiung des KZ Auschwitz

„Solange wir an Dich denken, wird Dein Name unvergessen sein“, erklärten Schüler der Gesamtschule Mechernich

28.01.2016

Acht schwarze Windlichter stehen auf dem Rand des Löwenbrunnens. Sie tragen jeweils einen Buchstaben. Miteinander verbunden ergeben diese den Begriff E R I N N E R N. Schülerinnen und Schüler der Klasse 7b der Gesamtschule Mechernich haben die Kerzen an der Kindergedenkstätte aufgestellt. Sie lesen die Namen von jüdischen Kindern aus Kommern und Mechernich vor, die in der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden. „Solange wir an Dich denken, wird Dein Name unvergessen sein“, sagen sie – und zünden nach und nach eines der Lichter an. „Solange wir leben, werden sie auch leben, in unserer Erinnerung.“

Rolf Domning freut sich über das große Engagement der Schülerinnen und Schüler der drei teilnehmenden Schulen
Erinnerung ist unverzichtbar. Das wurde einmal mehr sehr deutlich in der Gedenkstunde am Löwenbrunnen von verschiedenen Teilnehmenden betont. Die Gedenkstätte, die über 1100 Namen von aus Köln und Umgebung deportierten jüdischen Kindern trägt, befindet sich auf dem innerstädtischen Erich-Klibansky-Platz an der Helenenstraße. In unmittelbarer Nähe der Anlage stand einst eine Synagoge, ein jüdisches Lehrerseminar- und Schulgebäude. In diesem war unter anderem die Jawne beheimatet, das erste jüdische Reform-Realgymnasium im Rheinland.

Jahrestag der Befreiung
Zur Gedenkstunde am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 hatten die Synagogen-Gemeinde Köln, das Katholische Stadtdekanat und der Evangelische Kirchenverband Köln und Region in Verbindung mit dem Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Jawne“ eingeladen.

Steine, über die man stolpern muss ...
Seit vier Jahren verlegen Schüler der 4. Klassen der Olympia-Schule in Köln-Widdersdorf gemeinsam mit dem Bildhauer Gunter Demnig die „Kölner Stolpersteine“. Diese erinnern an Opfer der NS-Zeit und werden in der Regel vor deren letztem Wohnsitz verlegt. „Die Steine sind ganz wichtig“, sagte eine der Grundschülerinnen, „damit immer wieder Menschen mit dem Herzen über sie stolpern.“ Für die Gedenkstunde hatten die Schüler kleine Steine gefertigt und beschriftet: dunkle Steine mit negativen, helle mit positiven Begriffen. Sie wurden einzeln vorgetragen, der jeweilige Stein auf einem hölzernen Brett in Position gerückt.

... daraus wurde ein Davidstern
Am Schluss waren die einzelnen Elemente zu einem Davidstern gefügt. „Wir stolpern über die Gewalt, die Nazis Juden angetan haben“, stellten die Schüler fest. Sie stolperten über die Respektlosigkeit, den Hass, die Grausamkeit, die Mordlust der Nazis. Gleichzeitig „hüpft unser Herz vor Freude“, so die Schüler. Es hüpfe vor Freude über die Freundlichkeit, die Tapferkeit, den Mut von Menschen, die nicht weggesehen hätten, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Risikobereitschaft gezeigt, Hoffnung gegeben, Toleranz geübt hätten.

Stadtsuperintendent Rolf Domning lobte das Engagement aller Beteiligten
„Ich freue mich, dass ihr euch mit dem schwierigen Thema beschäftigt“, dankte Stadtsuperintendent Rolf Domning den Schülern. Sein Dank galt ebenso den Mitgliedern des Arbeitskreises „Lern- und Gedenkort Jawne“ für die Organisation der regelmäßigen Gedenkstunde. Gerade auch heute sei sie wichtig. „Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, aufgrund anderer kultureller Hintergründe, verfolgt und gedemütigt werden“. Was in der NS-Zeit an Unrecht geschehen sei, welche Verbrechen „gerade auch an wehrlosen Kindern und Jugendlichen hier in Köln begangen wurde“, könnten wir auch heute noch kaum in Worte fassen.

Nicht wegschauen, nicht verharmlosen
Domning hob „unsere gemeinsame Verantwortung“ hervor, „dafür einzustehen, dass so etwas nie wieder geschehen kann“. Eine „besondere Verantwortung denjenigen gegenüber, die damals Opfer wurden des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit“. Anderswo, aber auch in Deutschland häuften sich wieder Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens. Man dürfe das nicht verharmlosen und wegschauen. Domning versicherte den Vertretenden der Synagogen-Gemeinde Köln, dass man an ihrer Seite stehe. „Wir brauchen den gegenseitigen Respekt vor den jeweils anderen Glaubensüberzeugungen, den Respekt, auch zwischen Männern und Frauen, um in Frieden miteinander leben zu können.“

Fragen, die niemals beantwortet werden können
Auch Dr. Michael Rado, Mitglied des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde, zeigte sich beeindruckt von den Vorträgen der Schülerinnen und Schüler. Sein Onkel sei eines der Kinder gewesen, das durch den vom Jawne-Direktor Dr.Erich Klibansky organisierten „Kindertransport“ nach England habe gerettet werden können. „Nur deswegen konnte ich ihn noch kennenlernen.“ Rado fragte, wie das damals in der NS-Zeit war, warum das alles passiert sei. Er beschrieb, was geschehe, wenn man das Vorgehen der menschenverachtenden nationalsozialistischen Machthaber in die Gegenwart übertrage. Rados beeindruckendem Beitrag folgte das von Binyamin Munk, Kantor der Synagogen-Gemeinde Köln, vorgetragene jüdische Totengebet „El Male Rachamim“.

Bürgermeister Bartsch: „Das darf nie wieder passieren!“
Die Stadt Köln habe eine klare Position, meinte Bürgermeister Hans-Werner Bartsch in seinem Grußwort. Erinnerung heiße auch Lehren ziehen aus der Vergangenheit. „Es ist gut, dass wir uns jedes Jahr hier treffen.“ Die schrecklichen Taten der Nationalsozialisten dürften sich nicht wiederholen. Es sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig auf sie hingewiesen, mit ihren Ursachen und Folgen konfrontiert würden. „Das ist nicht einfach.“ Bartsch wünschte sich, dass man auch aus „dieser Runde hier“ die Kraft mitnehmen möge, gegen das aufzustehen, was Auschwitz möglich gemacht habe. „Das darf nie wieder passieren.“

Licht der Erinnerung nicht löschen
Wie in den Vorjahren las die ehemalige Jawne-Schülerin Ruth-Rebecca Fischer-Beglückter Psalm 79 auf Hebräisch. Die deutsche Übersetzung übernahm Dr. Rainer Lemaire. Der evangelische Schulreferent ist Mitglied des Arbeitskreises „Lern- und Gedenkort Jawne. Gemeinsam mit Pfarrerin Ulrike Gebhardt organisierte und moderierte er die Veranstaltung. „Es ist wichtig, dass das Licht der Erinnerung nicht gelöscht wird“, leitete Stadtdechant Monsignore Robert Kleine sein Schlussgebet ein. „Wir müssen sie lebendig halten.“



Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich