Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Das Leiden der in Auschwitz ermordeten Juden wird bereits in Psalm 22 ausgedrückt

Feierliche Eröffnung des Projektes „Mit Psalmen Brücken bauen“ im Neujahrsgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen

27.01.2016

Der Ort sei ausgezeichnet gewählt, befand Rolf Doming, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, als er die Gäste in der Kartäuserkirche zum Neujahrsgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Köln (ACK) begrüßte. Schon aufgrund der „monastischen Tradition“ des Gotteshauses, das im 14. Jahrhundert von Kartäusermönchen erbaut worden war: „Sehr geeignet also für die Eröffnung eines Projekts, das sich den ökumenisch verbindenden Psalmen widmet.“

Pater Diethard Zils
„Mit Psalmen Brücken bauen“ heißt das Projekt, das die ACK anlässlich des Reformationsjubiläums im kommenden Jahr initiiert hat: Katholische und evangelische Nachbargemeinden in Köln und Region sollen sich dabei gemeinsam mit der Kraft der Psalmen auseinandersetzen. Bei der Wahl der Texte aber auch bei der Form der Auseinandersetzung ist Kreativität nicht nur gestattet, sondern ausdrücklich erwünscht. Untersucht werden soll gemeinsam, was aus den Gedichten, Liedern und Gebeten des alttestamentarischen Buchs über Gott zu lernen ist, wenn Menschen nach ihm fragen, wenn sie klagen, bitten, fluchen und danken.

Erst Psalmen, dann Radio
Vor den Gottesdienstbesuchern und Geistlichen ganz unterschiedlicher christlicher Kirchen berichtete der Dominikaner Pater Diethard Zils in seiner Predigt beispielsweise, dass er sich des morgens zunächst aus den Psalmen über Neuigkeiten informiere, und danach erst das Radio einschalte oder die Zeitung aufschlage: „Sonst verliert man die Fähigkeit, die Welt zu verändern.“ Er erzählte aber auch davon, wie das unermessliche Leiden etwa der in Auschwitz ermordeten Juden schon in Psalm 22 einen gültigen Ausdruck gefunden habe. Oder wie er sich des Gefühls der Befreiung nach einem Streit mit Vorgesetzten und anschließender Versetzung erst wirklich bewusst, als ihm die Worte von Psalm 124: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Stricke des Voglers“ in den Sinn kamen.




Paul Celans „Niemandsrose“
Mitglieder des ACK trugen unter der Überschrift „Atemzüge“ einige Texte vor, die den Psalmen wesensähnlich sind, von Paul Celans „Niemandsrose“ bis zu aktuellen Gebeten für die Opfer der Übergriffe in der Neujahrsnacht oder die Flüchtlinge auf der Balkanroute oder in den Booten auf dem Mittelmeer. Die Aktualität der Psalmen konnten die Besucher selbst ausprobieren, als Körbe mit Zetteln durch die Bankreihen gingen, auf denen Zeilen aus Psalm 27 standen. Mit seinem Nachbarn sollte jeder über einen dieser Sätze reden: „Kommen Sie aber nicht ins Gerede, sondern ins Gespräch“, mahnte Monsignore Rainer Fischer, Vorsitzender des ACK.

Viertes Psalmenfenster in Frechen
Beispiele von konkreten Projekten, die in diesem und im kommenden Jahr im Rahmen von „Mit Psalmen Brücken bauen“ stattfinden sollen, wurden ebenfalls vorgestellt: So möchte das Schulreferat des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region gemeinsam mit den katholischen Kollegen im September eine Mitmachausstellung zum Thema Psalmen für Schulklassen und Jugendgruppen organisieren, die gleichzeitig im Haus der Evangelischen Kirche und in St. Johann Baptist an der Severinstraße – der Jugendkirche Crux – gezeigt wird. In Porz wird der diesjährige ökumenische Rundgang zu den sieben Kirchen des Seelsorgebereichs dem Thema Psalmen gewidmet: In den Gotteshäusern sollen Meditationen, Vorträge oder Mitmachaktionen angeboten werden. Und die Kirche der Evangelischen Gemeinde Frechen, die bereits drei Psalmenfenster hat, soll ein viertes hinzubekommen, das gemeinsam mit der katholischen Nachbargemeinde gemeinsam gestaltet wird.

Brücken zwischen den Kirchen
Gedacht wurde beim Neujahrsgottesdienst auch des Künstlers Raphael Seitz, Schöpfer des Kölner Ökumenekreuzes, der im vergangenen Jahr überraschend gestorben war. Das Vaterunser wurde auf Armenisch, Äthiopisch und Deutsch gebetet, und bevor es zum Neujahrsempfang ins Haus der Evangelischen Kirche ging, sangen die Besucher noch ein nicht ganz unbekanntes Lied: „Ein feste Burg“ von Martin Luther. „Das ist natürlich ur-protestantisch“, sagte Monsignore Fischer, „aber an Psalm 46 angelehnt und auch deshalb geeignet, Brücken zwischen den Kirchen zu bauen.“



Text: Hans-Willi Hermans
Foto(s): Hans-Willi Hermans