Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

„Ich weigere mich von einer Flüchtlingskrise zu sprechen"

Präses Manfred Rekowski über die Herausforderungen der Evangelischen Kirche

11.01.2016

Präses Manfred Rekowski erstattete der Synode seinen jährlichen Bericht in Bad Neuenahr. Dabei nahm er unter anderem in den Blick, wer und was die Kirche in diesen Zeiten herausfordert. Dazu gehörten insbesondere die Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, aber auch die, die nur bis zu den EU-Außengrenzen gelangen.

Präses Manfred Rekowski auf der Landessynode in Bad Neuenahr
Rekowski: „Die seit Jahren bestehenden unhaltbaren und unmenschlichen Zustände an den EU-Außengrenzen und im Mittelmeer wurden – solange die Menge der Flüchtlinge in Italien und Griechenland blieb – von Politik und Gesellschaft mit einer fast entspannten Gelassenheit hingenommen. Wie mit Flüchtlingen in Italien und Griechenland umgegangen wurde, war in der öffentlichen Diskussion zu selten Thema. Diese Haltung unterscheidet sich in nichts von unverantwortlicher Untätigkeit und kommt schuldhaft unterlassener Hilfeleistung gleich.“

Eine wirksame Unterstützung der Nachbarländer von Krisenherden, die Millionen von Flüchtlingen aufgenommen haben, erfolge bis heute nicht. „Dies ist inhuman und fördert eine Perspektivlosigkeit, die weitere Fluchtb ewegungen auslöst“, so der Präses.

Flucht ist eine Katastrophe
„Flucht ist für die betroffenen Menschen eine Katastrophe“, sagte Rekowski, „deshalb weigere ich mich, von ,Flüchtlingskrise’ zu sprechen. Zu sprechen ist aber sehr wohl von einer ,europäischen Krise’. Denn ob Europa mehr ist als ein überdimensionierter Förderverein zur Rettung maroder Banken, muss sich jetzt erst noch zeigen. Dass eine Wertegemeinschaft die Staaten Europas verbindet, ist für mich derzeit nicht ersichtlich. Für welche Werte Deutschland konsequent einsteht, ist nicht immer eindeutig erkennbar.“

Hoher Preis für den Wohlstand
Es werde zu häufig ausgeblendet, dass deutsche Waffen auf direkten oder auf verschlungenen Wegen zur Verschärfung von Fluchtursachen beitragen. „Für die aktuelle Fluchtbewegung gilt deshalb auch: Flucht trägt das Label ,Made in Germany’. Waffenexporte sichern nicht nur deutsche Arbeitsplätze, sondern sie sorgen dafür, dass andere einen hohen Preis für unseren Wohlstand zahlen.“

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Hier kann der Präses-Bericht via Live-Stream nachgehört werden.



Text: EKiR/Knap
Foto(s): Hans-Jürgen Vollrath