Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Wie soll man sich den Trost vorstellen, den Gott verspricht? – Pfarrer Michael Miehe erläutert die Jahreslosung für 2016

Dieser Artikel wurde am 01.01.2016 veröffentlicht.
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01.01.2016

Trösten ist eigentlich etwas sehr Einfaches. Wer ein Kind sieht, das traurig ist oder das sich wehgetan hat, braucht nicht lange darüber nachzudenken, was in diesem Augenblick nötig ist, denn es liegt auf der Hand: umarmen, ruhig sprechen, die Tränen trocknen oder das schmerzende Körperteil gebührend begutachten.

Pfarrer Michael Miehe

Trösten kann aber auch etwas sehr Schwieriges sein. Wenn ich zum Beispiel einem Menschen gegenüberstehe, der gerade die Partnerin oder den Partner durch Tod verloren hat oder der mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert ist, dann habe ich vielleicht das Gefühl, dass ein bloßes Umarmen nicht reicht. Aber was kann ich dann sagen, ohne dass es banal wirkt oder als Phrase erlebt wird?

Ein Geschehen zwischen zwei Menschen
Trösten ist eigentlich ein Geschehen zwischen zwei Menschen. Nur selten geht es um mehrere Beteiligte. Aber genau dies setzt das Bibelwort vom Trösten voraus, das uns 2016 als Jahreslosung begleiten soll. Es stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja (Kapitel 66, Vers 13). Gott wendet sich hier an die Menschen, die sich als sein Volk verstehen, und verspricht ihnen Trost. Wie soll man sich das vorstellen?

Drei Zeiten - drei Propheten
Es hilft, wenn wir fragen, wer denn der Prophet ist, der dieses Gottesversprechen aufgezeichnet hat. Die Bibelforschung geht davon aus, dass im Jesajabuch, wie wir es heute in unserer Bibel finden, drei verschiedene historische Situationen vorauszusetzen sind: In den Kapiteln 1 bis 39 befinden wir uns in der Zeit um das Jahr 700 vor Christus, als die Assyrer das Land bedrohten. Ab Kapitel 40 wird hingegen davon gesprochen, dass Jerusalem bereits durch die Babylonier zerstört ist, was 587 vor Christus geschah. Und ab Kapitel 56 sind die Zeitumstände nach dem Jahr 538 vor Christus zu erkennen.
Diesen drei Zeiten entsprechend muss es auch drei verschiedene Propheten gegeben haben, die ihre Botschaft ausrichteten. In der Forschung nennt man sie der Einfachheit halber (und auch, weil wir keine anderen Namen kennen) den ersten, den zweiten und den dritten Jesaja.

Botschaft vom tröstenden Gott
Als der dritte Jesaja auftrat und die Botschaft vom tröstenden Gott ausrichtete, war das Volk Israel eigentlich in einer glücklicheren Lage als in den Jahren zuvor. Die lange Zeit des babylonischen Exils war vorüber. Die Menschen, die als Kriegsgefangene der Babylonier aus Israel verschleppt worden waren, konnten zurückkehren in ihr Land, denn die Babylonier waren inzwischen selbst von einer anderen Macht, den Persern, besiegt worden.

Hinwendung zu desillusionierten Menschen
Und doch war nach anfänglich überschwänglicher Freude Ernüchterung eingekehrt. Der Tempel war immer noch zerstört (vgl. Jesaja 64,9-10), und die Stadt Jerusalem lag weitgehend in Trümmern (vgl. Jesaja 61,4). Der wirtschaftliche Aufschwung wurde zwar erhofft, war aber bisher nicht eingetreten (vgl. Jesaja 62,8-9). An diese erst begeisterten, jetzt aber enttäuschten und desillusionierten Menschen wendet sich der dritte Jesaja und spricht ihnen in Gottes Namen Hoffnung zu: „Gott wird euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Die scharfen Worte Gottes
Das ist ein überraschend liebevolles Bild von Gott und seinem Handeln. Ganz anders hatte der erste Jesaja von Gott geredet. Seine Botschaft zeigte den Menschen schonungslos ihre Fehler auf und kündigte ihnen die Strafe Gottes an. Wer dann die fremden Truppen der Assyrer oder später der Babylonier erlebte, wird sich an diese scharfen Worte erinnert haben, die das Bild eines zornigen, strafenden Gottes zeichneten.

Gott tröstet wie eine Mutter
Ganz anders beim dritten Jesaja: Gott tröstet wie eine Mutter. Sofort ist das alltägliche Bild vor unseren Augen: ausgebreitete Arme, beruhigende Worte. Für den dritten Jesaja geschieht solches Trösten dadurch, dass Gott ankündigt, dass sich die Zustände bessern werden, dass das zerstörte Land wieder fruchtbar wird, dass die Menschen eine neue Perspektive bekommen. Und vor allem: dass Frieden herrschen wird.

Ein Mehr, das noch nicht erfüllt war
Doch konnte man einem solchen Versprechen Glauben schenken? Die harten Worte des ersten Jesaja aus dem Jahr 700 vor Christus hatten sich wenig später bewahrheitet: Israel wurde tatsächlich von Feinden überrannt. Wie war das mit den Trostworten des dritten Jesaja? Zwar erlebte Israel nach seinem Auftreten eine gewisse Zeit lang Ruhe vor äußeren Feinden, aber schon bald gab es wieder Bedrohungen durch militärisch weit überlegene Großmächte: Nach den Persern kamen die Griechen, nach den Griechen die Römer. Dennoch wurden die Worte des dritten Jesaja weitergegeben – vielleicht auch deshalb, weil die Menschen spürten, dass sich diese Worte nicht in der Vorhersage politischer Ereignisse erschöpften, sondern dass in ihnen ein Mehr steckte, das noch nicht erfüllt war.

Der neue Himmel ist Wirklichkeit
Der dritte Jesaja wagte nämlich einen Blick über die Geschichte und über das Volk Israel hinaus: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ Dieses Versprechen Gottes ist noch viel weitreichender als seine Zusage, Menschen zu trösten. Die ersten Christen haben sich daran erinnert, als sie versuchten, ihren Glauben in Worte zu fassen. Für sie war klar: Mit Jesus sind der neue Himmel und die neue Erde mitten auf der alten Erde Wirklichkeit geworden.

Prophetische Texte in Weihnachtsgottesdiensten
In unseren Weihnachtsgottesdiensten lesen wir regelmäßig prophetische Texte, zum Beispiel aus dem Buch Jesaja, aber auch aus dem Buch des Propheten Micha. Wir bringen damit zum Ausdruck: Das, was die Propheten Israels erhofften, hat sich in dem Kind in der Krippe, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, erfüllt. „Erfüllt“ freilich in einer besonderen Weise. Nicht in Form eines gerechten Königs für Israel, sondern dadurch, dass Gott selbst in dem Menschen Jesus zur Welt gekommen ist.

Auch du bist Gottes Kind
Eine Zeit lang konnten also Menschen den tröstenden Gott wirklich hautnah erleben. In den Geschichten von Jesus, wie sie das Neue Testament überliefert, wird dieses Trösten in verschiedenen Formen sichtbar. Jesus wandte sich Menschen zu, die damals am Rande der Gesellschaft standen, zum Beispiel Kranken. Durch ihre Krankheit waren sie isoliert, aber Jesus kam zu ihnen, redete mit ihnen – und heilte viele. Die Heilung stellte er in den größeren Kontext der Vergebung, der Zusage: Auch du bist Gottes Kind. Gott breitet seine Arme aus, wenn wir Trost brauchen. Trost, weil vielleicht Pläne misslingen, weil das Leben anders verläuft als erhofft, weil Menschen uns enttäuschen. „Du bist mein Kind, ich bin für dich da“, das sagt uns Gott an Weihnachten. Und wir sind wirklich noch ganz „bei Trost“, wenn wir uns darauf verlassen.


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Michael Miehe ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rodenkirchen

Seit 1930 gibt es die Jahreslosungen, seit 1934 werden sie veröffentlicht. Jedes Jahr wählt die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen eine Losung aus Vorschlägen aus, die von den Mitgliedern eingereicht werden. Zu den Mitgliedern gehören unter anderem die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, die Deutsche Bibelgesellschaft und das Katholische Bibelwerk e.V. Eine Übersicht aller Jahreslosungen von 1930 bis 2016 gibt es hier .



Text: Michael Miehe
Foto(s): Britta Schüßling