Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Mehr-Generationen-Projekt „Ich habe genug“ in vollem Gange

Die inszenierte Bachkantate beleuchtet den Umgang mit Tod und Sterben. Ein Gespräch mit Regisseurin Frauke Meyer

04.01.2016

„Ich freue mich auf meinen Tod“ – ein Satz für unsere Zeit, für junge Generationen? Eher nicht. Das Musiktheaterprojekt „Ich habe genug“ setzt sich jedoch mit genau diesem Thema auseinander und bringt dabei Jung und Alt zusammen. Gemeinsam werden Fragen zu Leben und Sterben diskutiert, ausgehend von Johann Sebastian Bachs gleichnamiger Kantate.

Frauke Meyer
Mit Regisseurin Frauke Meyer haben wir über das Projekt gesprochen, das am 11. und 12. März 2016 in der Kölner Trinitatiskirche über die Bühne gehen wird.

Der greise Simon
Bereits beim Projekt „Johannespassion | Judasprozess“, bei dem im letzten Jahr die Johannespassion von Bach als interreligiös vermittelnde szenische Inszenierung aufgeführt wurde, war Frauke Meyer als künstlerische Produktionsleiterin mit dabei. Beim Nachfolgeprojekt, das wiederum vom Evangelischen Kirchenverband Köln und Region, dem Katholikenausschuss in der Stadt Köln und dem Kölner Fest für Alte Musik gemeinsam veranstaltet wird, steht nun die Solokantate „Ich habe genug“ (BWV 82) im Mittelpunkt. Die Kantate berichtet vom greisen Simeon, der seinem Tod beglückt entgegengeht, nachdem er Christus gesehen hat. Alles Weitere wird im Rahmen des Projektes neu entwickelt: Unter Anleitung von Frauke Meyer, die die Fäden zusammenführt, entstehen Texte und eine Neukomposition des Kölner Komponisten Martin Bechle. „Omega“ wird sie heißen und die Aufführung auch zu einer Uraufführung machen. Die Regisseurin freut sich über die Kooperation: „Martin Bechle hat eine ganz ehrliche, authentische und direkt ins Herz gehende Art, Musik zu machen.“

Inhaltliche Annäherung
Eine Besonderheit des Projekts „Ich habe genug“ sind die Beteiligten, denn geschrieben und gespielt wird das Stück von 13- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schülern einer inklusiven Schulklasse der Offenen Schule Köln, sowie von einer Gruppe von Senioren. Im Fach „Darstellen und Gestalten“ setzen sich die Jugendlichen, theaterpädagogisch angeleitet, mit der barocken geistlichen Musik und dem Thema „Tod und Sterben“ auseinander. Die Regisseurin berichtet, wie gut sie die Kantate auf emotionaler Ebene begriffen und vielfach bereits eigene Erfahrungen mit dem Thema eingebracht hätten. Das „mittelalterliche Glaubensbild“, nach dem man sich auf seinen Tod freut, sei für die Jugendlichen nur schwer nachzuvollziehen, doch die persönlichen Erfahrungen jedes einzelnen Schülers ließen eine Ahnung zu, die zu einem Verstehen führen könne. In ihren Äußerungen spiegele sich auch der gesellschaftliche Umgang mit älteren Menschen und Sterbenden wider. Frauke Meyer meint: „Es macht doch nachdenklich, wenn schon 15-Jährige die Angst verspüren, im Alter Anderen zur Last zu fallen.“

Generationen verbinden
Überraschenderweise seien die Unterschiede zwischen den jungen und alten „Theaterautoren“ in der Essenz gar nicht so groß. Zwar hätten die beiden Gruppen für ihre Erfahrungen eine andere Sprache, doch kämen beiderseits dieselben Themen auf: der Wunsch nach dem eigenen Bestimmen des Todeszeitpunktes, würdevolles Sterben, Resilienz (Warum kommen manche Menschen mit den Themen Tod und Sterben besser zurecht als andere?) und die Palliativmedizin. Aus all ihren Aussagen fügt sich nach und nach das Buch für die Inszenierung zusammen, es ist sozusagen noch ein „work in progress“. „Da wir dieses Mal mit Laiendarstellern arbeiten, die nicht das Werkzeug dazu haben, fertige Rollen zu spielen, schöpfen sie aus ihrem Inneren und arbeiten mit ihren eigenen Texten. Sie dürfen sie selbst sein“, erläutert Meyer ihre Herangehensweise. Die so entstehenden Sprechpartien werden in der Aufführung der Bach'schen wie der neu komponierten Musik gegenübergestellt.

Theatrales Miteinander
Die Musik liegt übrigens ganz in den Händen von Profis: Die Instrumentalpartien übernimmt das zamus-Ensemble unter der Leitung von Oboistin Xenia Löffler und als Sänger ist der US-Amerikaner Seth Carico engagiert. Der Bass-Bariton gehört derzeit zum Ensemble der Deutschen Oper Berlin und tritt mit „Ich habe genug“ erstmalig in Köln auf. Zur Besetzung sagt Frauke Meyer: „Seth ist ein wirklicher Sänger-Darsteller mit einem hervorragenden Gespür für unsere Inhalte. Sein junges Alter bildet einen Kontrast zum greisen Simeon und vergrößert die Fallhöhe der erzählenden Person.“ Auch mit Uta Materne, die für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, ist sie bereits seit einiger Zeit beruflich verbunden: „Dass wir schon so lange Weggefährtinnen sind, ermöglicht eine sehr gute Zusammenarbeit, Gedankenexperimente und produktive Kritik.“

Regie und mehr
Frauke Meyers Schwerpunkt liegt vor allem im Bereich der Inszenierung von „fertigen“ klassischen Opern, szenischen Liederabenden und Kinderstücken, aber auch Projekte, bei denen das Stück zunächst entwickelt werden musste, hat sie schon betreut. Die gebürtige Dresdenerin studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und war anschließend deutschlandweit (unter anderem lange an der Deutschen Oper Berlin), in der Schweiz und den USA tätig, bevor sie als Freischaffende vor zwei Jahren ihren Lebensmittelpunkt nach Köln verlegte. Dabei beschränkt sich ihre Arbeit nicht allein aufs Regie führen, sondern umfasst auch den gesamten organisatorischen und konzeptionellen Bereich.

Aufführungen und Begleitprogramm
Das Ergebnis feiert schließlich am Freitag, 11. März 2016, 20 Uhr, in der Kölner Trinitatiskirche, Filzengraben 4, Premiere, eine weitere Aufführung findet am Samstag, 12. März, statt. Karten zum Preis von 29 Euro, ermäßigt 18 Euro, sind über das Zentrum für Alte Musik (ZAMUS) erhältlich, Telefon: 0221/987 473 79.
Wer sich mit dem Projekt vertiefend auseinander setzen will, dem seien zudem die Begleitveranstaltungen der Melanchthon-Akademie ans Herz gelegt.



Text: Kristina Pott
Foto(s): Anna Lischetzki Photographie

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