Bis Juli in Köln: Mühlstein als Leidens-Symbol von Missbrauchsopfern

"Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung", sagte evangelischer Jugendpfarrer

Dieser Artikel wurde am 13.06.2012 veröffentlicht.
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13.06.2012

Mitte Juni wurde nachmittags um drei Uhr auf dem Platz vor dem Dom, gleich neben der Kreuzblume auf dem Kardinal-Höffner-Platz vor dem Kölner Dom, ein 1,4 Tonnen schwerer Mühlstein aufgestellt. Er soll die Kölnerinnen und Kölner, aber selbstverständlich auch Gäste der Stadt, daran erinnern, dass sie als Erwachsene dafür Verantwortung tragen , dass Kinder nicht unter Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch leiden müssen. Mit diesem symbolischen Stein soll die oft lebenslange Last der Taten für die Missbrauchsopfer dargestellt werden. Der Mühlstein, der seit 2008 auf Deutschlandtournee ist, soll bis Anfang Juli in Köln bleiben. In den Stein hat der Bildhauer Bruno Harich das Bibelwort aus dem Matthäus-Evangelium eingemeißelt: "Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde."
Organisiert wurde die Aktion von der bundesweit tätigen „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch“. Die Vorsitzende des Katholikenausschusses der Stadt Köln, Hannelore Bartscherer, und Werner Völker, Jugendpfarrer des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, sprachen dabei Grußworte.


Hier die Ausführung von Pfarrer Werner Völker im Wortlaut
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ (BGB § 1631.2) Seit dem 8. November 2000 gilt dieser Satz in Deutschland, seitdem ist er Gesetz. Damit sind zum Beispiel Schläge und andere Formen körperlicher Züchtigung ausdrücklich verboten. Das war nicht immer so. Ich selbst war Kind in den 50-er und zu Beginn der 60-er Jahre. Ich weiß noch gut, dass bei uns zu Hause der Teppichklopfer oder ein großer Kochlöffel herausgeholt wurde, um meinem Bruder oder mir eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen.
Und wie sah es in der Schule aus? Zwar stand nicht mehr der Rohrstock in der Ecke, wie es frühere Generationen berichten. Aber unsere Lehrerin in der Grundschule hatte ein stabiles Holzlineal, mit dem sie uns auf die Finger schlug. Und die Lehrer im Gymnasium verteilten sogenannte „Kopfnüsse“ oder hin und wieder auch Ohrfeigen, und das war ganz normal und gesellschaftlich anerkannt.
Ab und an eine Ohrfeige oder auch eine Tracht Prügel - das hat noch niemandem geschadet. So sagte man damals. Doch, sage ich als einer, der dies als Kind erlebt hat. Diese Gewalterfahrungen haben uns geschadet. Sie haben die Liebe zu unseren Eltern auf eine harte Probe gestellt. Sie haben unser Vertrauen in die Welt der Erwachsenen untergraben.
Inzwischen – nach über 30 Jahren intensiver Diskussionen über „schwarze Pädagogik“ und kindgemäße Erziehung – sind wir weiter. Gewalt gegen Kinder ist nicht mehr gesellschaftlich anerkannt. Heute ist sie verpönt – und seit fast 12 Jahren auch gesetzlich verboten. Aber das heißt natürlich nicht, dass es sie nicht doch noch gibt! Doch, es gibt sie noch, sowohl in Familien, als auch in öffentlichen Institutionen wie Schulen oder Heimen, deren Aufgabe eigentlich die Bildung und allseitige Förderung der Kinder ist.
Und Gewalt herrscht ja nicht nur dort, wo geschlagen wird. Auch, wenn Kindern seelische Verletzungen zugefügt werden, wenn sie immer wieder gedemütigt werden, ist das eine Form von Gewalt. Und Gewalt ist es auch, wenn Erwachsene Kinder missbrauchen, um ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Verantwortung von Erwachsenen gegenüber Kindern wiegt schwer: Johannes Heibel (1. Vorsitzender der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e. V., 2. v. l.), Bruno Harich (Bildhauer und Steinmetz aus Neunkirchen, links) mit Hannelore Bartscherer (Vorsitzende des Katholikenausschusses), Werner Völker (evangelischer Jugendpfarrer), Musiker Martin Adrian (r.)

Deshalb ist es gut, dass jetzt dieser Mühlstein nach Köln gekommen ist, der uns mahnen will. Der uns daran erinnert, dass wir, die Erwachsenen, es sind, die dafür sorgen müssen, dass Kinder ohne solche Gewalterfahrungen aufwachsen können.
Denn Gewalt zerstört Vertrauen. Und damit schadet sie nicht nur direkt den betroffenen Kindern, sondern langfristig auch unserer Gesellschaft insgesamt. Gewalt gegen Kinder - egal in welcher Form – ist wie ein Gift, das in ihre Herzen geträufelt wird, und das lange wirkt – manchmal ein ganzes Leben lang.
Der in den Mühlstein eingemeißelte Text – dieses Wort aus dem Matthäus-Evangelium – spricht schon eine sehr drastische Sprache. Aber ich denke: Weil Kinderseelen so verletzlich sind, ist auch diese drastische Ausdrucksweise gerechtfertigt.

Es ist gut, dass der mahnende Mühlstein nach Köln gekommen ist. Und ich finde es auch gut, dass er nicht versteckt auf einem Schulhof oder vielleicht einem Kinderspielplatz liegt, sondern hier an diesem öffentlichen Ort in der Nähe des Doms, des Wahrzeichens dieser Stadt. Viele Menschen, Kölnerinnen und Kölner, aber auch Besucher der Stadt, Frauen und Männer, Christen und Nichtchristen werden ihn wahrnehmen. Sie alle sollen daran erinnert werden: Kinder haben ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt von Seiten Erwachsener. Und wir alle haben ein Interesse daran, dass sie tatsächlich ohne solche Gewalterfahrungen aufwachsen.“



Text: Evangelisches Jugendpfarramt
Foto(s): Walter Wetzels

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