Diskussion im Domforum zum „Wert des freien Sonntags"

Das Podium war sich einig: Der Sonntag muss geschützt werden! Domning: "Was würden die Menschen in 30 Jahren sagen?"

Dieser Artikel wurde am 21.03.2012 veröffentlicht.
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21.03.2012

Jochen Ott von der SPD korrigierte Hannelore Bartscherer, Vorsitzende des Katholikenausschusses für die Stadt Köln, umgehend, als sie ihn und Kolleginnen als „Landtagsabgeordnete“ vorstellte. „Wir sind ehemalige Landtagsabgeordnete“, sagte er unter Berücksichtigung der jüngsten Entwicklungen in der Landeshauptstadt.

von links: Arnd Henze, Jochen Ott, Ralph Sterck, Hildegard Lülsdorf, Andrea Asch, Christa Nottebaum und Carolin Butterwegge

Begrüßung im Domforum
Also begrüßte Bartscherer neben Ott die „ehemaligen“ Landtagsabgeordneten Andrea Asch (Grüne) und Dr. Carolin Butterwegge (Die Linke) im Domforum zur Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wert des freien Sonntags - Wandel der Gesellschaft - Wandel des Arbeitsalltages". Unter der Moderation von Arnd Henze (WDR) diskutierten auch Christa Nottebaum von ver.di, Hildegard Lülsdorf von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Stadtverband Köln und Ralph Sterck, FDP-Stadtrat, auf Einladung der „Kölner Allianz für den freien Sonntag“.

Deutliche Kritik Sonntagsarbeit
Philipp Büttner vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Evangelischen Landeskirche Bayern hielt das Impulsreferat. Er erinnerte daran, dass der Schutz des Sonntags und der gesetzlichen Feiertage in Deutschland durch die Verfassung geschützt sei. Trotzdem hätten im vergangenen Jahr elf Millionen Erwerbstätige mehr oder weniger oft am Sonntag gearbeitet. 1995 seien das noch sieben Millionen gewesen. „Natürlich werden wir die Sonntagsarbeit niemals auf Null reduzieren können“, so Büttner. „In den Bereichen Medizin, Sicherheit und Mobilität etwa muss gearbeitet werden. Aber elf Millionen Erwerbstätige sind eine Zahl, die über das gesellschaftlich notwendige Maß sicher weit hinausgeht.“

"Arbeit entgrenzt sich"
Er kritisierte die Arbeitgeber, die jede Möglichkeit nutzten, den Schutz des Sonntags auszuhöhlen. Da würden Argumente vorgetragen wie die Sicherung der Jobs angesichts der starken Konkurrenz aus dem Ausland und der Verweis auf die Mitbewerber im Inland, die schon am Sonntag die Werkstore öffneten. „Aber wir selbst sind schuld. Arbeit entgrenzt sich. Das heißt, man kann auch am Sonntag zu Hause etwa am Rechner arbeiten.“

Viele Allianzen in NRW
Büttner verwies darauf, dass vor allem in den alten Bundesländern viele Allianzen für den freien Sonntag geschmiedet worden seien. Begonnen habe alles mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Damals seien die Öffnungszeiten der Geschäfte stark erweitert worden. Nicht zuletzt im Zuge der Föderalismusreform, in deren Folge die Zuständigkeit für die Ladenschlusszeiten auf die Bundesländer überging. In Nordrhein-Westfalen kann jede Stadt vier sogenannte „verkaufsoffene Sonntage“ genehmigen. Etwa zwei Dutzend Allianzen hätten sich in NRW gegründet, um das zu verhindern. In Köln werden pro Veedel drei Sonntage mit geöffneten Geschäften gestattet. Büttner zeigte mehrere Fotos von Aktionen der Allianzen für den freien Sonntag. Für Erheiterung sorgte das Bild einer Verkäuferin, die ein Transparent hoch hielt: „Ich bin Single und werd’s auch bleiben bei diesen langen Öffnungszeiten.“ Büttner forderte zum Ende seiner Ausführungen, die „Freiheit des Wir gegen die Freiheit des Ichs zu verteidigen“.

Alle einig, bis auf einen
Das Podium war sich einig: Der Sonntag muss geschützt werden. Einzig Ralph Sterck scherte aus der Reihe. „Wir in Köln können als gutes Beispiel dienen. Wir haben die meisten Einwohner und die meisten Stadtteile landesweit. Aber wir haben weniger Sonntagsöffnungen als viele andere Städte. Wenn man die nämlich auf die einzelnen Verkaufsstellen herunterbricht, haben die Arbeitnehmer 49 Sonntage pro Jahr frei.“ Andrea Asch widersprach: „In Köln hat man an jedem Sonntag im Jahr in einem der Veedel die Möglichkeit einzukaufen. Als Familienpolitikerin und Mutter von drei Kindern halte ich diese schleichende Entwicklung, die wir da gerade erleben, für fatal.

Schlecht bezahlte Jobs gestiegen
Dr. Carolin Butterwegge erinnerte an den Gesetzesentwurf der Linken im nordrhein-westfälischen Landtag, in dem sie den konsequenten Schutz der Sonn- und Feiertage gefordert habe. Auch Jochen Ott will sich, wenn er wiedergewählt wird, im Landtag für den Sonntagsschutz einsetzen. Er hat als Lehrer immer wieder festgestellt, dass viele Schülerinnen und Schüler die Traditionen nicht kennen, auf die sich die Feiertage gründen. Da könne man sich nicht wundern, dass die nachwachsende Generation weniger Interesse am Sonntagsschutz habe. Dem müsse man entschieden entgegen treten. Christa Nottebaum (ver.di) erinnerte an die ausgeweiteten Ladenöffnungszeiten auch während der Woche. „Es ist möglich, von Montag bis Samstag von 6 Uhr bis 24 Uhr sein Geschäft zu öffnen. Die Zahl der schlecht bezahlten Mini-Jobs ist dramatisch gestiegen. In ihnen arbeiten vor allem Frauen.“ Die Gewerkschafterin forderte, „viel offensiver zu werden. Wenn wir die Wertediskussion über den freien Sonntag mit den Einzelnen führen, werden wir die Diskussion auch gewinnen.“


Rolf Domning wagt Blick in die Zukunft
Stadtsuperintendent Rolf Domning setzte den Schlussakzent der Veranstaltung mit einem Blick in eine Zukunft, die er in dieser Form lieber nicht erleben möchte: „Manchmal stelle ich mir vor, wir schafften tatsächlich die Sonntagsruhe ab, machten den Sonntag zu einem gewöhnlichen Werktag ... Wer weiß: vielleicht hätten die Menschen bald schon vergessen, wie das war, als es noch einen Ruhetag gab. Alle Wochentage wären gleich, man ginge von Montag bis Sonntag zu Arbeit, und das wäre normal. Doch irgendwann – in vielleicht 20, 30 Jahren – würden meine Enkel herausfinden, dass der Sonntag mal arbeitsfrei war. Ein Tag, an dem die Menschen durchatmen konnten, zum Nachdenken kamen, etwa im Gottesdienst. Ein Tag, an dem man Familienfeste feierte, sich mit Freunden verabredete oder im Garten ein Buch las. Wie die das wohl fänden, dass wir den Sonntag aufgegeben haben? Dass für sie deshalb ein Tag wie der andere ist, die Woche keinen Mittelpunkt mehr hat, keinen Ruhepol? Was würden die Menschen in 20, 30 Jahren dazu sagen? Vielleicht klänge es so: ,Wie? Es gab so einen Tag, Jahrhunderte lang – und ihr habt ihn abgeschafft, einfach so? Warum habt ihr das denn bloß getan?’ Dann müsste ich antworten: Damit wir endlich die ganze Woche über einkaufen dürfen. Damit die Maschinen besser ausgelastet sind. Damit wir auch sonntags zum Frisör können. Und ich würde mich schämen dabei.“



Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann

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