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"Die Prophetin. Wie Dorothee Sölle zur Mystikerin wurde" - ein neues Buch beleuchtet, pünktlich zu ihrem fünften Todestag, Leben und Wirken der Theologin

Wenn sich Protestanten an das Jahr 1968 erinnern, fällt vor allem ein Name: Dorothee Sölle. Die umstrittene Theologin, die vor fünf Jahren - am 27. April 2003 - starb, hat den "eigentlichen evangelischen Beitrag zur 68er-Bewegung geleistet", wie die EKD jetzt schreibt. Soelle initiierte das "Politische Nachtgebet" - lange Jahre mit nur einer Adresse verknüpft: der evangelischen Antoniterkirche Köln. Unerschrocken trat die zierliche, lebensbejahende und radikal denkende Frau für eine politische Theologie ein. Sie kämpfte für Arme und Unterdrückte, gegen Militarismus und Kapitalismus. Und damit stand sie damals oft quer zu ihrer Kirche. Jetzt ist ein Buch über die Theologin mit den "vielen Gesichtern" erschienen.
Eine "Randposition"?
Der damalige EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock würdigte wenige Tage nach dem 27. April 2003 die "atemberaubende Radikalität", mit der Dorothee Sölle die Nachfolge Jesu gelebt habe. Sie sei prägend für ihn selbst gewesen, so Kock, und für den Weg der Kirche. Sein späterer Nachfolger, Wolfgang Huber, widmete ihr wenige Wochen danach seine Bibelarbeit auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Doch so positiv war das Verhältnis leitender Persönlichkeiten in der EKD zu der unbequemen Theologin und Schriftstellerin nicht immer. Als der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) sie für seine 6. Vollversammlung 1983 in Vancouver um eines der Hauptreferate gebeten hatte, betonte der damalige Ratsvorsitzende Eduard Lohse, der ÖRK habe sich gegen die "ausdrücklichen Bedenken der EKD für diese Rednerin als einzige deutsche Referentin entschieden", dabei nehme Dorothee Sölle in der evangelischen Kirche lediglich "eine Randposition" ein.
"Zorn, Kritik und Trauer"
Brausenden Beifall bekam die deutsche Theologin für ihren Vortrag "Das Leben in Fülle" in Vancouver von den Vertretern der "Dritte-Welt"-Kirchen. Auch die Vertreter der orthodoxen Kirchen zollten ihr – wenn auch verhalten – Respekt, wussten sie doch, dass Dorothee Sölle sich in Deutschland für die einseitige Abrüstung des Westens einsetzte. Doch die westlichen Kirchenvertreter reagierten außerordentlich verärgert über das Referat, das Sölle mit einer Selbstvorstellung begann: "Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land, mit einer blutigen, nach Gas riechenden Vergangenheit..." Sie spreche zu den über 3.000 Vertreter christlicher Kirchen aus der gesamten Welt "aus Zorn, in Kritik und mit Trauer".
Eine Frau mit vielen Gesichtern
Mit diesem Konflikt beginnt Ralph Ludwig in der zum fünften Todestag jetzt erschienenen Biographie, das Leben der "Prophetin" zu erzählen. In dem Buch des Journalisten und Theologen kommt nicht nur die Friedensaktivistin und Wohlstandskritikerin Sölle zu Wort, sie ist auch die Großmutter, die ihren Enkeln am liebsten biblische Geschichten erzählte, die Christin, die trotz allem Leiden an der Kirche Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst ging, die Sängerin, die abends vor dem zu Bett gehen, ein Loblied für Jesus Christus anstimmte. Die Widersprüchlichkeit ihres Lebens als Theologin und als Poetin, als Mutter, Großmutter und als Freundin, als Chorsängerin und als Kirchgängerin, als Mahnerin und Rednerin auf den großen Friedensdemonstrationen der 80er Jahre, als Frau auf der Suche nach dem mystischen Weg und als Bibelarbeiterin auf den Kirchentagen, als Lehrerin einer anderen Sichtweise der Theologie in New York und Hamburg und eben auch als Ehefrau und Partnerin und Freundin. Die Geschichte, dass sie ihrem Mann Fulbert Steffenski einmal vorgehalten habe, er würde Wasser in ihren Wein schütten, macht dies bezeichnend deutlich. Er mache ihren Essig erst genießbar, reagierte er gelassen.
"Hier wird gebetet!"
Wer zu ihren Lebzeiten die Chance hatte, sie persönlich über die in vielen Medien und von vielen Gegnern gepflegten Klischees hinaus kennen zu lernen, hat auf diesen 120 Seiten die Chance ihr noch einmal zu begegnen. Wer aber alten Klischees verhaftet ist und in ihr immer noch nur die politische Aktivistin in fortwährender Opposition oder die Atheistin mit einer von vielen falsch verstandenen "Gott-ist-tot-Theologie" sieht, kann in "Die Prophetin" die Seite der Mitbegründerin der politischen Nachtgebete erleben, die, als manche Mitstreiter mehr Politik und weniger Gottesdienst in den Nachtgebeten forderte, lapidar aber kategorisch antwortete: "Doch! Hier wird gebetet!".
Dorothee Sölle war den Frommen die Politische, den Politischen die Fromme, den Bischöfinnen die Kirchenstörerin und den Entkirchlichten die Kirchenliebende – und Ralph Ludwig ist gelungen, dies zu ihrem fünften Todestag zu erzählen.
Ralph Ludwig, Die Prophetin. Wie Dorothee Sölle zur Mystikerin wurde, 120 Seiten, 11 Abbildungen, kartoniert , Euro 9,95
ISBN 978-3-88981-239-1
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