Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Schenkung der „Sammlung Irene und Dieter Corbach“ an das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln



06.07.2007

Irene und Dieter Corbach zählen zu den Ersten, die intensiv den Spuren von in der NS-Zeit ermordeten oder vertriebenen, jüdischen Kölnerinnen und Kölnern nachgegangen sind. Ihre fruchtbaren Recherchen begannen in den frühen 1980er Jahren. Sie endeten mit dem Tod von Irene Corbach im Frühjahr 2005. Der evangelische Religionslehrer Dieter Corbach war bereits 1994 verstorben. Dessen Tätigkeit als Synodalbeauftragter für das christlich-jüdische Gespräch im Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch wurde von seiner Witwe bis zu deren Tad engagiert fortgeführt. Aus dem elterlichen Nachlass hatten Almuth und Johannes Corbach schon 2006 nicht nur über siebzig Bände zur jüdischen Geschichte Kölns an das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln übergeben. Im selben Jahr schenkten sie die gesamte „Sammlung Irene und Dieter Corbach“ der Einrichtung im EL-DE-Haus am Appellhofplatz. Februar 2007 stimmte der Rat der Stadt Köln für die Annahme der Schenkung.

Historikerin Barbara Becker-Jákli vom NS-Dokumentationszentrum vor einem Teil der geschenkten Sammlung Corbach
Forschungsarbeit von großem Wert
Die Forschungen der Corbachs zur zeitgenössischen jüdischen Geschichte und Bevölkerung Kölns sind überaus wertvoll. Ihr besonderes Interesse galt der Erinnerung an das Schicksal jüdischer Kinder, an die Geschichte jüdischer Schulen, Waisenhäuser und Kinderheime in Köln. Dabei kam ihnen zugute, dass sie weltweit Hunderte von jüdischen Kölnerinnen und Kölnern ausfindig machen konnten, die während der NS-Zeit geflüchtet waren – respektive deren Nachfahren. Durch diese Kontakte wuchs der von anderen Privatleuten und in Archiven zusammengetragene Bestand an schriftlichen Dokumenten und Fotografien nicht nur beträchtlich an. Er konnte zudem um zahlreiche Zeitzeugenberichte, Interviews und einen umfangreichen Briefwechsel ergänzt werden.

Immer schon "intensive Kontakte" zum NS-Dokumentationszentrum
„Uns war schnell klar, dass die Sammlung unserer Eltern, in die sie so viel Arbeit hinein gesteckt hatten, weder verstreut noch aufgelöst werden durfte. Ebenso klar war, dass sie an eine Adresse in Köln gehen sollte. Und hier ist das NS-Dokumentationszentrum erste Wahl“, sagt Almuth Corbach. Zwar habe Irene Corbach nicht ausdrücklich die städtische Einrichtung als Bestimmungsort für die Sammlung genannt, so die Tochter. „Darüber haben wir nicht mehr sprechen können.“ Einige Freunde und Bekannte hätten zwar vorgeschlagen, sie etwa nach Yad Vashem, an die Holocaust-Gedenkstätte und das Holocaust-Archiv in Jerusalem zu geben. „Aber die Unterlagen gehören nach Köln. Wer über das Leben und Schicksal von Kölner Juden forscht, sucht zunächst in Köln“, ist sich Almuth Corbach sicher, im Sinne der Eltern gehandelt zu haben. Zudem hätten sie, speziell die Mutter, einen intensiven Kontakt zum NS-Dokumentationszentrum gepflegt. Dieses wiederum habe sich sehr um die Sammlung bemüht.

Eine "außerordentliche Erweiterung unserer Sammlung"
Bei der offiziellen Übergabe Anfang Mai im NS-Dokumentationszentrum verwies dessen Direktor Dr. Werner Jung auf die langjährige Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Corbach. Die Schenkung, so Jung, „stellt für unsere Einrichtung eine bedeutsame Bereicherung der eigenen Bestände dar“. Auch Dr. Barbara Becker-Jákli, am Dokumentationszentrum zuständig für den Bereich jüdische Geschichte Kölns, ist hoch erfreut über die „außerordentliche Erweiterung unserer Sammlung in vielen Bereichen“. So umfasse die Schenkung unter anderem über 1000 historische Fotografien und Dias.
„Zentrales Ziel des Ehepaares Corbach war es, die Öffentlichkeit auf die vielfach verdrängte und vergessene Geschichte der Juden in Köln aufmerksam zu machen und die Erinnerung daran auch im Stadtbild deutlich werden zu lassen“, betont die Historikerin Becker-Jákli. So sind auf Anregung von Irene und Dieter Corbach etwa im Stadtteil Mülheim Straßen nach dem Arzt Dr. Viktor Speier-Holstein sowie dem Historiker Carl Brisch benannt worden. Auf ihre Initiative gehen ebenfalls Gedenktafeln zurück. Eine ist am städtischen Berufskolleg in der Lützowstraße angebracht. Sie erinnert an die bis 1938 im selben Gebäude eingerichtete städtische Israelitische Volksschule, an das ehemals ihr schräg gegenüber gelegene Israelitische Kinderheim und dessen Synagoge.

Erinnerungsarbeit
Einige Ergebnisse ihrer Erinnerungsarbeit haben die Corbachs im (2006 aufgelösten) Scriba-Verlag von Irene Corbach publiziert. „Sophie Sondhelm und die Kölner Jüdische Kinderheilstätte Bad Kreuznach“ lautet einer der Titel in der Reihe „Spuren jüdischen Wirkens“. Ein weiterer dokumentiert umfangreich die Deportationen der jüdischen Bevölkerung von Köln. Band 4 behandelt die Geschichte, das Schicksal des Lehrpersonal und der SchülerInnen der Jawne zu Köln (1919-1941), des ersten jüdischen Realgymnasiums im Rheinland. Insbesondere wird darin an dessen letzten Direktor Dr. Erich Klibansky erinnert.
Die Corbachs erreichten zudem, dass der ehemalige Schulhof der Jawne an der St.-Apern-Straße/Helenenstraße nach Klibansky benannt wurde. Weiter initiierten sie auf diesem Platz die Kinder-Gedenkstätte Löwenbrunnen. „Mit Gedenkveranstaltungen am Löwenbrunnen und der Vermittlung von jüdischen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Berichten an Kölner Schulen versuchten Irene und Dieter Corbach insbesondere Jugendliche mit der jüdischen Geschichte vertraut zu machen und Anstöße für Toleranz und Zivilcourage zu geben“, erklärt Becker-Jákli. Dazu dient auch weiterhin die Ausstellung zur Jawne. Inzwischen neu konzipiert, wird sie vom Arbeitskreis Jawne, der noch von Irene Corbach iniitiert wurde, in einem Raum der Kreishausgalerie am Erich-Klibansky-Platz präsentiert.

Ziel: Inhalte der Schenkung registrieren und öffentlich zugänglich machen
Rund vierzig Regalmeter, schätzt Almuth Corbach, habe der Bestand in der elterlichen Wohnung eingenommen. Im EL-DE-Haus füllt er nun mindestens drei große Stahlschränke. „Wir hoffen, das Material in nächster Zeit verzeichnen zu können“, peilt Becker-Jákli das nächste Jahr an. Spätestens Ende 2008 soll das Findbuch vorliegen, das die Inhalte der Schenkung exakt registriert und sie somit Interessierten zugänglich macht.



Text: Engelbert Broich
Foto(s): Broich

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